Wo Englisch schwer ist

Welche Sprache ist besonders schwer zu lernen? Diese Frage wird oft gestellt, ist aber zu grob. Eine Sprache zu beherrschen besteht aus vier verschiedenen Fähigkeiten: Verstehen, Sprechen, Lesen und Schreiben. Und die können sehr unterschiedlich schwer sein.

Für diesen Text habe ich mir Lesen und Schreiben angeschaut: Wie zuverlässig lässt sich aus der Schrift die Aussprache ableiten – und aus der Aussprache die Schreibweise? Dieses Verhältnis bezeichnen Linguisten als regelmäßige oder transparente Orthografie.

Regelmäßig heißt: Eine gelernte Regel funktioniert weiter

Eine regelmäßige Rechtschreibung muss nicht simpel aussehen.

Das französische eau besteht aus drei Buchstaben und wird wie ein einziges o gesprochen. Das wirkt zunächst absurd. Kennt man die Regel, ist sie jedoch zuverlässig.

Schwierig wird es, wenn dieselbe Buchstabenfolge je nach Wort völlig anders klingt – oder derselbe Laut auf viele verschiedene Arten geschrieben werden kann. Dann genügt es nicht, Regeln zu lernen. Man muss jedes einzelne Wort mitsamt seiner Aussprache oder Schreibweise abspeichern; genau darin liegt das besondere Problem des Englischen.

Die zwei Richtungen der Regelmäßigkeit

Schrift und Aussprache lassen sich in zwei Richtungen verbinden.

1. Schrift → Aussprache

Ich sehe ein unbekanntes Wort. Kann ich anhand seiner Schreibweise vorhersagen, wie es ausgesprochen wird?

Im Spanischen funktioniert das sehr gut. Auch Deutsch und Griechisch sind in dieser Richtung weitgehend regelmäßig.

Im Englischen funktioniert es erstaunlich schlecht:

  • though
  • through
  • thought
  • tough
  • cough
  • bough

Dieselbe Buchstabenfolge ough wird hier unterschiedlich ausgesprochen. Selbst wer alle englischen Laute beherrscht, kann die Aussprache eines unbekannten Wortes daher nicht immer aus der Schrift erschließen.

2. Aussprache → Schrift

Ich höre ein unbekanntes Wort. Kann ich vorhersagen, wie es geschrieben wird?

Das ist eine andere – und oft schwierigere – Frage.

Im Französischen kann ich ein geschriebenes Wort nach dem Erlernen der Regeln häufig gut vorlesen. Höre ich dagegen nur ein Wort mit dem Laut /o/, weiß ich noch lange nicht, ob er als o, au, eau, ault oder eot geschrieben wird.

Auch im Griechischen ist Lesen wesentlich leichter als korrektes Schreiben. Der Laut /i/ kann unter anderem als ι, η, υ, ει, οι oder υι geschrieben werden. Eine Untersuchung bezifferte die Regelmäßigkeit des modernen Griechisch grob auf rund 95 Prozent beim Lesen, aber nur etwa 80 Prozent beim Schreiben.

Die Sprachen im Vergleich

Die folgende Tabelle zeigt geschätzte Transparenzwerte aus Studien (Anteil regelmäßiger Zuordnungen) für die Sprachen, mit denen ich bisher Lernerfahrung habe.

Sprache und Schrift Schrift → Aussprache Aussprache → Schrift Typische Schwierigkeit
Griechisch 2 95 % 80 % Mehrere Schreibweisen besonders für /i/ und /o/
Spanisch 1 85 % 67 % Einige Laute haben mehrere Schreibweisen
Deutsch 1 78 % 69 % Vokallänge, Dehnungszeichen, Doppelkonsonanten und morphologische Schreibungen
Französisch 1 80 % 28 % Viele stumme Buchstaben und zahlreiche Schreibweisen für denselben Laut
Englisch 1 31 % 36 % Viele konkurrierende Regeln und zahlreiche Einzelwortausnahmen

Englisch ist unter den großen europäischen Alphabetsprachen ein besonders unregelmäßiger Ausreißer. Deshalb erwerben Kinder im Spanischen oder Griechischen die grundlegende Lesegenauigkeit deutlich schneller als im Englischen.

[1] Marjou (2021) — Spanisch, Deutsch, Französisch, Englisch

Spanisch: Man kann unbekannte Wörter vorlesen

Spanisch kommt dem Ideal einer Lautschrift ziemlich nahe. Hat man die Regeln für Buchstaben wie c, g, j und r verstanden, kann man auch unbekannte Wörter meist korrekt oder zumindest beinahe korrekt aussprechen.

In der Gegenrichtung ist Spanisch nicht vollkommen eindeutig. b und v werden in den meisten Varietäten gleich ausgesprochen, h bleibt stumm, und je nach Dialekt können auch s, c und z zusammenfallen.

Trotzdem bleibt das System insgesamt sehr transparent: Man lernt Regeln – und diese tragen erstaunlich weit.

Deutsch: komplizierter, aber berechenbar

Auch Deutsch besitzt keine Eins-zu-eins-Zuordnung zwischen Buchstaben und Lauten. Sch, ch, ie, ei, eu oder tsch bestehen aus mehreren Buchstaben. Vokallänge kann durch ein h, einen Doppelvokal, ein ie oder indirekt durch die folgenden Konsonanten angezeigt werden.

Das wirkt komplex, folgt aber relativ stabilen Regeln. Wer sie beherrscht, kann ein unbekanntes deutsches Wort meistens vernünftig vorlesen.

Schreiben ist schwieriger. Wer nur Wal hört, weiß nicht automatisch, ob Wal oder Wahl gemeint ist. Rat und Rad enden in der Standardsprache mit demselben Laut, werden aber unterschiedlich geschrieben. Hinzu kommen Großschreibung, Worttrennung und das morphologische Prinzip: Man schreibt Rad wegen Räder, obwohl am Wortende ein /t/ zu hören ist.

Deutsch ist deshalb beim Lesen regelmäßiger als beim Schreiben.

Griechisch: leicht vorzulesen, schwerer richtig zu schreiben

Das griechische Alphabet sieht für Anfänger zunächst wie die eigentliche Hürde aus, lässt sich aber schnell lernen. Kennt man die Buchstabenverbindungen und sieht den Akzent, ist die Aussprache eines Wortes fast immer gut vorhersagbar.

Die vielen Schreibweisen für dieselben Laute stammen aus der Sprachgeschichte. Früher unterschiedlich ausgesprochene Vokale sind im modernen Griechisch zusammengefallen, ihre historischen Schreibweisen aber erhalten geblieben.

Griechisch ist daher ein Musterbeispiel für eine asymmetrische Orthografie: sehr transparent in Richtung Aussprache, deutlich weniger transparent in Richtung Schreibweise.

Französisch: sieht schlimmer aus, als es beim Lesen ist

Französische Wörter können gewaltig aussehen und erstaunlich kurz klingen. Mehrere Buchstaben bilden gemeinsam einen Laut, zahlreiche Endungen werden gar nicht ausgesprochen.

Das wirkt zunächst undurchschaubar. Vieles folgt jedoch festen Regeln:

  • eau und häufig au ergeben /o/
  • ou ergibt /u/
  • ch ergibt normalerweise /ʃ/
  • bestimmte Konsonanten am Wortende bleiben meist stumm
  • Verbindungen wie -ent werden in der entsprechenden grammatischen Funktion nicht ausgesprochen

Wer diese Regeln kennt, kann viele unbekannte Wörter korrekt vorlesen. Französisch ist beim Lesen nicht so transparent wie Spanisch oder Griechisch, aber erheblich regelhafter, als sein Schriftbild vermuten lässt.

Beim Schreiben zeigt sich die andere Seite: Viele grammatische Informationen stehen auf dem Papier, ohne hörbar zu sein. Gleich klingende Wörter und Endungen können unterschiedlich geschrieben werden. Französisch weist deshalb eine starke Asymmetrie zwischen Lesen und Schreiben auf.

Englisch: Man muss jedes Wort zweimal lernen

Englisch ist in beiden Richtungen schwierig.

Beim Lesen weiß ich nicht zuverlässig, welche Aussprache zu einer Buchstabenfolge gehört. Beim Schreiben weiß ich umgekehrt nicht zuverlässig, welche Buchstabenfolge zu einem Laut gehört.

Der lange /iː/-Laut erscheint beispielsweise in:

see – sea – scene – machine – people

Gleichzeitig können identische Buchstaben je nach Wort völlig unterschiedlich klingen. Regeln existieren, konkurrieren aber mit anderen Regeln, historischen Schreibungen, Lehnwörtern und zahlreichen Einzelwortausnahmen.

Englische Wörter müssen deshalb häufig doppelt gelernt werden:

So sieht das Wort aus. Und so klingt es.

Das ist keine notwendige Eigenschaft einer Sprache, sondern eine Eigenschaft ihres Schriftsystems. Vergleichende Untersuchungen zeigen entsprechend, dass der Erwerb grundlegender Lesefähigkeiten im Englischen erheblich langsamer verläuft als in den meisten anderen europäischen Orthografien.

Eine Sprache kann leicht klingen und schwer aussehen

Wenn eine Sprache schwer zu lesen oder zu schreiben ist, sagt das noch wenig darüber aus, wie schwer sie zu sprechen ist.

  • Spanische Rechtschreibung ist transparent – schnelles gesprochenes Spanisch kann trotzdem zunächst wie ein einziger Lautstrom wirken.
  • Französische Schreibweise ist komplex – die Aussprache folgt dennoch vielen klaren Regeln.
  • Und Englisch verwendet nur 26 gewöhnliche Buchstaben – macht daraus aber eines der unberechenbarsten Schriftsysteme Europas.

Die bessere Frage lautet deshalb nicht: Welche Sprache ist schwer? Sondern: Was genau ist an dieser Sprache schwer – verstehen, sprechen, lesen oder schreiben?