Fahrzeuge auf Griechisch

Eine kleine Sprachgeschichte über Autos, Motorräder, Roller – und ein zyprisches Holzpferd.

Ich kann Vokabeln natürlich stumpf lernen. Ich kann sie mir zehnmal vorsagen, auf eine Karteikarte schreiben und am nächsten Tag noch einmal abfragen. Das funktioniert. Ungefähr so lange, bis ich das Wort wirklich brauche.

Viel besser bleiben Wörter bei mir hängen, wenn ich ihre Geschichte kenne. Sobald ein Wort nicht mehr nur eine zufällige Folge von Silben ist, sondern plötzlich etwas erzählt, habe ich einen Haken im Kopf, an dem ich es aufhängen kann.

Genau das ist mir mit dem griechischen Wort für Fahrrad passiert:

ποδήλατο

Podílato. Vier Silben, zunächst nicht besonders einprägsam. Dann habe ich verstanden, was da eigentlich steht – und seitdem kann ich es kaum noch vergessen.

Das Fahrrad heißt nicht „Zweirad“, sondern „fußgetrieben“

Der erste Teil steckt auch in einigen Fremdwörtern, die wir längst kennen:

πούς

Das ist das altgriechische Wort für „Fuß“. Im Genitiv heißt es:

ποδός

Daher kommt der Stamm pod-. Den kennen wir aus Podologie, Podiatrie, Tripod, Oktopus und Antipoden.

  • Ein Tripod steht auf drei Füßen.
  • Ein Oktopus ist wörtlich ein Achtfüßer.
  • Antipoden stehen – zumindest aus Sicht der alten Weltvorstellung – mit ihren Füßen auf der gegenüberliegenden Seite der Erde.
  • Podologie und Podiatrie beschäftigen sich mit Füßen.

Auch Pedal gehört in dieselbe große Wortfamilie, allerdings über das lateinische pes, pedis. Griechisch pod- und lateinisch ped- sind sprachgeschichtliche Verwandte.

Der zweite Teil von ποδήλατο hängt mit dem alten Verb

ἐλαύνω

zusammen: treiben, in Bewegung setzen, vorwärtsbewegen.

Das ursprüngliche Adjektiv war:

ποδήλατος

also ungefähr: durch die Füße angetrieben.

Man konnte entsprechend von einem

ποδήλατο όχημα

sprechen: einem fußgetriebenen Fahrzeug. Irgendwann brauchte man das allgemeine Wort für „Fahrzeug“ nicht mehr. Es war ohnehin klar, welches Ding gemeint war. Übrig blieb die neutrale Form des Adjektivs:

ποδήλατο

Das Fahrrad ist auf Griechisch also, sehr frei übersetzt, ein Fußtriebler.

Und plötzlich ist das Wort logisch.

Pferdegetrieben, dampfgetrieben, fußgetrieben

Noch besser merkt man sich die Bildung, wenn man ein paar Verwandte dazustellt.

ιππήλατος

bedeutet „von Pferden gezogen“ oder „pferdegetrieben“. Zum Beispiel:

ιππήλατο όχημα

ein pferdegezogenes Fahrzeug.

Und:

ατμήλατος

bedeutet „dampfgetrieben“, etwa in:

ατμήλατο όχημα

Das heißt allerdings nicht, dass ιππήλατο einfach das normale Substantiv für „Kutsche“ wäre oder ατμήλατο speziell „Dampflok“ bedeutete. Es sind zunächst Adjektive: pferdegetrieben, dampfgetrieben, fußgetrieben.

Die kleine Reihe ist trotzdem eine perfekte Merkhilfe:

  • Pferd treibt an: ιππήλατο
  • Dampf treibt an: ατμήλατο
  • Fuß treibt an: ποδήλατο

Das Auto, das sich selbst bewegt

Beim Auto ist die Bildung ebenfalls schön durchsichtig:

αυτοκίνητο

Der erste Teil ist:

αυτός

selbst.

Der zweite hängt mit Bewegung zusammen, etwa mit:

κινητός

beweglich, bewegt.

Ein αυτοκίνητο ist also das sich selbst bewegende Fahrzeug. Auch hier ist eine neutrale Adjektivform zum Substantiv geworden.

Unser deutsches „Auto“ stammt allerdings nicht direkt vom modernen griechischen αυτοκίνητο. Es ist die Kurzform von „Automobil“. Dieses internationale Wort ist selbst ein Mischbau: griechisch auto- für „selbst“ plus lateinisch mobilis für „beweglich“.

Die Griechen haben für dasselbe moderne Ding eine eigene gelehrte Bildung verwendet. Die Wörter sind verwandt gedacht, aber nicht einfach eins aus dem anderen abgeschrieben.

Nur: Im normalen Gespräch sagt kaum jemand jedes Mal das lange αυτοκίνητο.

Man sagt:

αμάξι

Das Wort bedeutete früher Wagen oder Kutsche und wurde später auf das Auto übertragen. Genau wie wir auf Deutsch auch „Wagen“ sagen können.

Ein paar Sätze, die ich tatsächlich gebrauchen kann:

Πού είναι το αμάξι;

Wo ist das Auto?

Θα έρθω με το αμάξι.

Ich komme mit dem Auto.

Πού πάρκαρες το αμάξι;

Wo hast du das Auto geparkt?

Πήρα καινούριο αμάξι.

Ich habe mir ein neues Auto gekauft.

Und dann kann Griechisch sehr schön an dem Wort herumschrauben:

αμαξάκι

ein kleines Auto, ein Wägelchen – je nach Ton auch liebevoll oder bescheiden.

αμαξάρα

ein mächtiges, beeindruckendes Auto, ein geiler Schlitten.

Τι αμαξάρα είναι αυτή!

Was für ein Schlitten!

Für eine schlechte alte Karre gibt es unter anderem:

κάρο

oder noch deutlicher:

σαράβαλο

eine Klapperkiste, ein Wrack.

Αυτό το αμάξι είναι σαράβαλο.

Dieses Auto ist eine Schrottkarre.

Das Motorrad kam auf einem Umweg zurück

Das formellere Wort für Motorrad lautet:

μοτοσικλέτα

Das sieht griechisch aus, ist aber als ganzes Wort aus dem Französischen motocyclette übernommen worden.

Ganz ungriechisch ist seine Vorgeschichte trotzdem nicht. Der französische Bestandteil cycle geht letztlich auf das griechische

κύκλος

zurück: Kreis.

Das Wort hat also eine kleine Europareise gemacht. Ein griechisches Sprachelement wanderte in die internationale technische Sprache, wurde dort mit anderen Bestandteilen zu motocyclette kombiniert und kam als fertiges Fremdwort wieder ins Griechische zurück.

Es gibt übrigens auch die etymologisch näher am „Kreis“ geschriebene Variante:

μοτοσυκλέτα

Im heutigen Alltag ist aber vor allem die Aussprache entscheidend.

Und wie so oft benutzt man im Gespräch ohnehin ein viel einfacheres Wort:

μηχανή

Wörtlich einfach: Maschine.

Έχω μηχανή.

Ich habe ein Motorrad.

Für ein kleineres motorisiertes Zweirad hört man oft:

μηχανάκι

also wörtlich ein „Maschinchen“.

Πάω στη δουλειά με το μηχανάκι.

Ich fahre mit dem kleinen Motorrad oder Moped zur Arbeit.

Daneben gibt es:

παπί

Das bezeichnet vor allem leichte Underbone-Motorräder nach Art einer Honda Cub – nicht einfach jeden beliebigen Roller.

Αγόρασε ένα παπί.

Er oder sie hat sich ein kleines Underbone-Motorrad gekauft.

Und natürlich:

σκούτερ

Das ist direkt aus dem Englischen scooter übernommen. Im Gegensatz zum Deutschen hat Griechisch dafür also nicht „Roller“ übersetzt, sondern das englische Wort eingepasst.

Als lockere Kurzform für Motorrad kann man außerdem hören:

μοτό

Nur das Fahrrad bleibt lang

Beim Fahrrad hat sich dagegen keine allgemein übliche Kurzform durchgesetzt. Das normale Alltagswort bleibt:

ποδήλατο

Man sagt also tatsächlich:

Πάω με το ποδήλατο.

Ich fahre mit dem Fahrrad.

Κάνω ποδήλατο κάθε μέρα.

Ich fahre jeden Tag Fahrrad.

Πού άφησα το ποδήλατο;

Wo habe ich das Fahrrad abgestellt?

Natürlich kann man wieder verkleinern oder vergrößern:

ποδηλατάκι

ein kleines Fahrrad, ein Rädchen.

ποδηλατάρα

ein tolles, großes oder beeindruckendes Fahrrad.

Das Kuriose ist nur: Beide Formen sind länger als das ursprüngliche Wort. Wer auf eine griechische Entsprechung zu „Rad“, „Radel“ oder „Drahtesel“ hofft, wird im normalen Standardgriechisch nicht wirklich fündig.

Und dann gibt es noch Zypern

Ich habe das extra für Zypern nachgesehen, weil mich Zypern persönlich interessiert. Das ist vielleicht nicht für jeden Lernenden sofort der wichtigste Punkt. Ganz nebensächlich ist es aber auch nicht.

Griechisch wird nicht nur in Griechenland gesprochen. Es ist auch eine der beiden Amtssprachen der Republik Zypern, neben Türkisch. Im griechischsprachigen Alltag Zyperns begegnet einem außerdem das zyprische Griechisch mit eigenen Wörtern, Lautungen und Formen.

Für Motorrad gibt es dort das sehr schöne:

μοτόρα

Das ist direkt vom englischen motor übernommen worden.

In dialektaler Sprache kann beim Fahrrad auch die Form mit erhaltenem Schluss-n auftauchen:

ποδήλατον

Und historisch-humoristisch gab es auf Zypern sogar eine Art eigenen „Drahtesel“:

ξυλάππαρος

Das Wort setzt sich aus

ξύλο

Holz

und dem zyprischen

άππαρος

Pferd

zusammen.

Also: Holzpferd.

Das passt erstaunlich gut zur frühen Geschichte des Fahrrads. Die ersten Laufmaschinen bestanden weitgehend aus Holz und wurden auch in anderen Sprachen mit Pferden verglichen. Der deutsche Drahtesel und der zyprische Holzgaul sind offenbar entfernte Verwandte im menschlichen Bedürfnis, neue Technik erst einmal mit einem Tiernamen zu versehen.

Die Wörter als kleine Landkarte

Am Ende habe ich nicht einfach fünf Vokabeln gelernt. Ich habe eine kleine Landkarte bekommen:

  • ποδήλατο – das fußgetriebene Fahrzeug
  • αυτοκίνητο – das sich selbst bewegende Fahrzeug
  • αμάξι – der alte Wagen, der zum Auto wurde
  • μηχανή – die Maschine, die im Alltag das Motorrad ist
  • μοτοσικλέτα – ein französischer Import mit griechischem Kreis im Gepäck
  • σκούτερ – ein englischer Import
  • μοτόρα – die zyprische Motorrad-Maschine aus englischem motor
  • ξυλάππαρος – das zyprische Holzpferd

So merke ich mir Wörter gern. Nicht als isolierte Übersetzungen, sondern als kleine Sprachgeschichten.

Denn Sprachgeschichten sind eben auch Geschichten. Und Geschichten bleiben hängen.